Interview: Einblicke in das neue Pfandrücknahmesystem in Österreich – EWP teilt Erkenntnisse aus dem ersten Jahr


Das österreichische Pfandrücknahmesystem (Deposit Return Scheme, DRS) wurde am 1. Januar 2025 offiziell eingeführt und sieht ein Pfand von 0,25 € auf PET-Getränkeflaschen und Aluminiumdosen mit einem Volumen von 0,1 bis 3 Litern vor. Das System wird von der EWP Recycling Pfand Österreich GmbH betrieben, der zentralen gemeinnützigen Stelle, die für die Organisation und den Betrieb des landesweiten Rücknahmesystems verantwortlich ist.
Wir sprachen mit Stefanie Ruckhofer, Leiterin Marketing bei EWP, und Valentin Hamm, Leiter IT bei EWP, um ihren Weg von der Konzeption bis zur Umsetzung sowie die nächsten Schritte zu verstehen.

Wie lange dauerte es von der ersten Idee bis zur Einführung des Pfandrücknahmesystems, und welche Meilensteine waren dabei entscheidend?
(Einordnung: Stefanie Ruckhofer) Die EWP Recycling Pfand gGmbH wurde Ende 2022 gegründet und begann 2023 mit dem Aufbau der Organisation sowie der Schaffung der strukturellen Grundlagen. Ein zentraler Meilenstein wurde im September 2023 erreicht, als die offizielle Verordnung veröffentlicht wurde. Ab diesem Zeitpunkt verfügte das Pfandrücknahmesystem über eine vollständige rechtliche Grundlage, und alle Aktivitäten konzentrierten sich auf die Vorbereitung des Systemstarts am 1. Januar 2025.
Welche Erwartungen gab es vor dem Start seitens der Öffentlichkeit und der Industrie?
Die zentrale Erwartung war eindeutig: Das System musste vom ersten Tag an reibungslos funktionieren. Konsumentinnen und Konsumenten mussten informiert werden, die Produzenten ihre Produkte rechtzeitig auf die Umstellung vorbereiten, und alle Beteiligten mussten frühzeitig abgestimmt sein. Die Grundstimmung war überwiegend positiv, mit einem starken Fokus auf Einsatzbereitschaft und Zuverlässigkeit.
Wie wird das System jetzt bewertet, nachdem es seit fast einem Jahr in Betrieb ist?
Marktforschungsdaten zeigen, dass 75 % der Konsumentinnen und Konsumenten das Pfandrücknahmesystem unterstützen. Zu den wichtigsten Beweggründen zählen die Reduzierung von Littering – mit bereits sichtbaren Verbesserungen – sowie die Förderung der Kreislaufwirtschaft durch die Rückgabe von Materialien, damit diese effizient wiederverwertet werden können.
EWP hat kürzlich bekannt gegeben, dass bis Oktober mehr als eine Milliarde Gebinde zurückgegeben wurden. Wie stellt sich die aktuelle Sammelquote dar?
In den ersten Monaten stiegen die Rückgabemengen kontinuierlich von Woche zu Woche an. Inzwischen haben sich die Sammelquoten auf einem hohen Niveau stabilisiert. Aktuell sammelt EWP wöchentlich zwischen 7 und 9 Millionen Gebinde. Bis Ende November 2025 belief sich die Gesamtzahl der zurückgegebenen Flaschen und Dosen auf 1,2 Milliarden.

Ist Österreich weiterhin auf Kurs, das Rückgabeziel von 80 % zu erreichen?
Zum jetzigen Zeitpunkt erscheint das Ziel erreichbar. Eine endgültige Bestätigung wird im Januar vorliegen, wenn erstmals die vollständigen Jahreszahlen veröffentlicht werden.
Welche Prioritäten verfolgt EWP über die Rückgabequote hinaus als Nächstes?
Eine der größten kommenden Aufgaben ist die Stärkung des Verständnisses bei den Konsumentinnen und Konsumenten. Viele Menschen fragen sich weiterhin, warum ein Pfandrücknahmesystem notwendig ist, obwohl es bereits zuvor Recycling gab. Es gilt, den Unterschied zwischen dem „Recycling früher“ (Materialien wurden gesammelt, aber nicht vollständig recycelt) und dem „Recycling heute“ zu erklären, bei dem die Materialien tatsächlich wieder in den Produktionskreislauf zurückgeführt werden.
Aus technischer Sicht plant EWP den Ausbau der manuellen Rücknahmestellen, um insbesondere kleineren Geschäften die Teilnahme am System zu erleichtern. Zudem laufen Diskussionen über die Einrichtung öffentlicher Sammelstellen, die in bestimmten Regionen die Rückgabequoten weiter erhöhen könnten.
Darüber hinaus prüft EWP spezielle Sammelbehälter, die es ermöglichen, Pfandgebinde zu spenden. So können Menschen, die Gebinde nicht selbst zurückgeben können oder möchten, soziale oder gemeinnützige Organisationen unterstützen.
Das Pfand von 0,25 € in Österreich zählt zu den höchsten in Europa. Gab es Betrugsfälle, und wie wird diesen begegnet?
EWP verfügt über ein eigenes Team zur Betrugsprävention, das Daten analysiert und eng mit dem Handel zusammenarbeitet, um Unregelmäßigkeiten zu erkennen. Einige Fälle wurden bereits identifiziert und erfolgreich vor Gericht gebracht. Angesichts des vergleichsweise geringen finanziellen Nutzens bei gleichzeitig hohem Entdeckungsrisiko bleiben Betrugsversuche insgesamt begrenzt.
Was waren die größten Herausforderungen für Konsumentinnen und Konsumenten, Produzenten und den Handel?
Für Konsumentinnen und Konsumenten lag die größte Herausforderung in der Verhaltensänderung: Flaschen nicht mehr zu zerdrücken, Pfandgebinde von Mehrweg-Glasflaschen zu unterscheiden und sich in Regalen zurechtzufinden, die gleichzeitig alte Produkte, neue Pfandprodukte und internationale Pfandgebinde enthielten.
Für Produzenten bedeutete die Umstellung erhebliche operative Anpassungen – von der Aktualisierung von GTINs und Etiketten über Schulungen bis hin zu neuen monatlichen Meldepflichten. Der Handel musste in Rücknahmeautomaten investieren, interne Prozesse entwickeln, Personal schulen und Lagerkapazitäten managen. Für kleine Geschäfte mit manueller Rücknahme stellte insbesondere der Aufbau eines effizienten Systems eine große Herausforderung dar.
Was waren die entscheidenden Erfolgsfaktoren für die Einführung des österreichischen Pfandrücknahmesystems?
Sorgfältige Planung, strukturierte Prozesse und ein erfahrenes Team waren ausschlaggebend. Ebenso wichtig war die sehr gute Zusammenarbeit aller Beteiligten – Handel, Produzenten und Industriepartner. Regelmäßige Kommunikation und ein gemeinsames Engagement trugen maßgeblich zu einem reibungslosen Systemstart bei.

Einblicke aus der IT-Abteilung – mit Valentin Hamm, Leiter IT bei EWP
Wie trägt Sensoneo zum österreichischen Pfandrücknahmesystem bei?
Sensoneo ist einer der wichtigsten SaaS-Lieferanten von EWP. Die Lösung unterstützt nahezu alle Akteure und Prozesse im Zusammenhang mit dem Pfandsystem. Bereits ab dem ersten Tag wurde ein hoher Automatisierungsgrad erreicht, der durch die enge Zusammenarbeit zwischen Sensoneo und EWP kontinuierlich weiterentwickelt wird.
Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit mit Sensoneo? Worin liegt der größte Mehrwert?
Sensoneo ist ein verlässlicher Partner, der eine stabile, speziell für den Betrieb eines landesweiten Pfandrücknahmesystems entwickelte Softwarelösung bereitstellt. Die Erfahrungen aus anderen Ländern erwiesen sich während der Aufbauphase des österreichischen Systems im Jahr 2024 als äußerst wertvoll. Auch weiterhin fungiert Sensoneo als Sparringspartner bei der Entwicklung neuer Ideen und Lösungen. Mit qualitativ hochwertiger Software, die termingerecht geliefert wurde, blickt EWP einer weiteren gemeinsamen Entwicklung zusätzlicher Funktionalitäten mit dem professionellen und engagierten Team von Sensoneo entgegen.
Perspektive von Sensoneo
Peter Knaz, Deputy CEO von Sensoneo, hebt die hohe Einsatzbereitschaft von EWP hervor:
„Das EWP-Team war von Beginn an äußerst professionell und hervorragend vorbereitet. Der Rahmen für das österreichische Pfandsystem war bereits umfassend analysiert und an die nationalen Besonderheiten angepasst, was gemeinsam mit Sensoneo eine reibungslose Prozessgestaltung ermöglichte.
Besonders schätzen wir den starken Fokus auf Sicherheit sowie die Entwicklung einzigartiger Tools zur Bekämpfung grenzüberschreitenden Betrugs, unterstützt durch sehr gut abgestimmte IT-Teams auf beiden Seiten.
Wir fühlen uns geehrt, am erfolgreichen Start und Betrieb des österreichischen Pfandrücknahmesystems beteiligt zu sein, und freuen uns darauf, auch künftig zu dessen Erfolgen beizutragen – insbesondere durch hohe Sammelquoten und größtmögliche Benutzerfreundlichkeit für die Konsumentinnen und Konsumenten.“

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